Der Rohrspatz am Zaun

Wer ist der Mensch, wo kommt er her und warum ist er nicht dort geblieben?

Die samstäglichen Fußballspiele unserer Jungs bieten der überwiegenden Zahl der Fußballväter eine willkommene Gelegenheit, sich zu unterhalten, ein Tässchen Kaffee miteinander zu schlürfen und ein paar Späßchen zu machen. Häufig wird die Zusammenkunft auch genutzt, um sich gegenseitig den Ball zuzupassen. Man kann das z.B. hier sehen, oder hier, oder hier oder hier. Und überall dort wurde das auch gerne gesehen. Manchmal spielten Leute aus anderen Vereinen mit, jedenfalls hatte sich noch nie jemand darüber beklagt. Wenn wir irgendwo mal unabsichtlich eine Regel übertreten hatten, etwa zu nah am Spielfeldrand standen, wurde uns das überall freundlich mitgeteilt.

Beim Heimspiel gegen den VfB Ginsheim, heute, am 6.11.2010, war das anders. Der Trainer unserer E1 gab uns Vätern einen Ball, damit wir auch ein bisschen spielen konnten – selbstverständlich in sauberem Sportschuhwerk. Herr Kasimir hatte sich schon verabschiedet, da schoss mir Herr Kanmaz noch ein paar Bälle aufs Tor.

Plötzlich schimpfte ein Herr, der anscheinend extra deswegen mit seinem Wagen auf der Straße hinter dem Zaun angehalten hatte, heftig auf uns ein. Er benutzte einen deutlich herablassenden Ton und wollte gar nicht aufhören mit seinem Wortschwall.  Er wollte, dass wir den Platz verlassen. Er duzte uns („Macht euch runner! Ihr habt hier nix verlorn!“ o. ä.) und der Satz: „Des dürfe mir bei euch aach net!“, bedeutete mir, dass er uns offenbar für Gäste aus Ginsheim hielt. Über meinem roten Rot-Weiss-Fließpullover hatte ich einen blauen Anorak an, den er vielleicht den blau gekleideten Ginsheimern zurechnete, die sich in unserer Nähe aufhielten.

Ich war froh, dass wir keine Ginsheimer waren, denn hätte er Väter unserer Ginsheimer Gäste derartig beschimpft, wäre mir das noch viel peinlicher gewesen.

Ich ging zu ihm hin und fragte ihn in ruhigem Ton erst einmal nach seinem Namen. Er sagte ihn mir auch und ich nenne ihn hier nicht, weil es mir nicht um diese Person geht, sondern um die von ihm hier gepflegte Art zu kommunizieren. Dann fragte ich ihn, ob er den Ton, den er anschlägt, für angemessen halte. Er bejahte das.

Der Ton erinnerte mich in unangenehmer Weise daran, wie manche Mitbürger glauben, mit Kindern oder Jugendlichen reden zu dürfen. Oder auch mit Ausländern. Jedenfalls mit Menschen, die man nicht der eigenen Gruppe zurechnet und die man für weniger achtenswert hält. Ich weiß natürlich nicht, ob das hier tatsächlich der Fall war. Ich will jedenfalls nicht hoffen, dass er auch mit seiner eigenen Familie so spricht.

Weil gerade das Thema Ausländer und ihre Integrationsbereitschaft ein öffentlich diskutiertes Thema ist, schreibe ich hier die Gedanken auf, die mir dazu gekommen sind. Vielleicht hatte der Schimpfende nicht nur Herrn Kanmaz, sondern auch mich mit meiner Strickmütze für einen Ausländer gehalten, noch dazu für einen Ginsheimer. Viele Ausländer, die ich kenne, haben mir schon berichtet, dass sie schon wiederholt unvermittelt von völlig Unbekannten auf der Straße beschimpft worden seien und aufgefordert worden seien, dahin zu gehen, wo sie hergekommen sind.

An dieser Stelle schiebe ich mal eine Geschichte ein, die mir ein Bekannter erzählt hat. Er ist Mitglied einer Sportgruppe eines anderen Walldorfer Sportvereins. Während einer abendlichen Übungsstunde wären Jugendliche „mit Migrationshintergrund“ in der Sporthalle aufgetaucht. Offenbar streiften sie abends ein wenig ziellos durch die Gegend und hatten einen Mangel an Möglichkeiten, ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten. Die Sportler schlugen ihnen daher vor, sich Sportzeug zu besorgen und mit zu machen. Das taten sie dann auch und kamen in den folgenden Wochen regelmäßig zur Übungsstunde. Sie seien sichtlich positiv beeindruckt gewesen, dass die durchweg zehn bis dreißig Jahre älteren Sportler sie ernst genommen hatten und sich mit ihnen auch über alles Mögliche unterhielten. Am fünften oder sechsten Abend sei jedoch ein Vereinsfunktionär in der Halle aufgetaucht. Da die Jugendlichen (noch) keine Vereinsmitglieder gewesen seien, habe er sie aus der Halle geschickt und wichtig sei dabei gewesen, dass sein Ton rüde und herablassend gewesen sei. Offenbar hatte er sie nicht jener Kategorie Mitmensch zugeordnet, die man höflich anspricht und sie mit einem Anmeldeformular einlädt, Vereinsmitglied zu werden. Die Jugendlichen seien daraufhin nicht wieder gekommen und wir hoffen, dass sie weiterhin an ihrer  Integrationsbereitschaft arbeiten.

Anderes Beispiel: Die Einzigen in unserer Wohngegend, die jemals sämtliche Nachbarn zu einem Fest eingeladen haben, waren unsere türkischen Nachbarn. Da haben sie dann durchaus nicht unentwegt irgendwelche Hammel geschlachtet und mit Knoblauch um sich geworfen, sondern sie haben sich dafür interessiert, was jeder gerne isst und trinkt und haben sich um alle gut gekümmert. Äußerungen einzelner deutscher Nachbarn in Richtung der Türken verschweige ich mal aus Höflichkeit. Solche Erlebnisse nähren den Verdacht, dass es manchen ganz recht ist, Ausländern  mangelnde Integrationsbereitschaft vorwerfen zu dürfen, um damit die eigene Fremdenfeindlichkeit weiter pflegen zu können und den eigenen Unwillen anderen freundlich zu begegnen, zu verschleiern. Und dies ist der Aspekt in der gegenwärtigen Diskussion, der mir ein bisschen zu kurz gekommen scheint.

Wie oben erwähnt, kann man aber an Stelle von Deutscher/Ausländer auch andere sich vermeintlich ausschließende und vermeintlich verschiedenwertige Gruppen einsetzen (Einheimischer/Fremder, altes Vereinsmitglied/neues Vereinsmitglied, vermeintlicher Kunstrasenbesitzer/ vermeintlicher Kunstrasen-Nichtbesitzer oder für die Älteren unter uns meinetwegen auch: Walldorfer/Mörfelder).

Doch zurück zu unserem rot-weißen Vereinsfreund. Er winkte unseren Trainer Karabulut heran, mit dem wir auch manchmal am Rande von Fußballspielen kicken, und auch er konnte nicht viel mit dem Herrn, den er bisher noch nie gesehen hatte, anfangen. Ich habe ihn zwei oder dreimal höflich aufgefordert, über sich selbst und seinen Umgangston nachzudenken. Er lehnte das ausdrücklich ab. Das war nicht weiter erstaunlich, denn wäre er ein Mensch, der ab und zu über sich selbst nachdenkt, hätte er wahrscheinlich bessere Manieren und vermutlich auch eine positivere Einstellung seinen Mitmenschen gegenüber. Stattdessen behauptete er, wir würden den neuen Platz „kaputt machen“. Das war nun glatt gelogen. Würden wir mit unseren Joggingschuhen den Platz kaputt machen, wäre das Geld schlecht investiert.

An einer Stelle des Gespräches war ich allerdings auch unsachlich. Ich meine die Stelle, an der ich auf die Höhe meiner Spende für den Kunstrasenplatz hingewiesen habe. Das ist deswegen unsachlich, weil ich auch dann das Recht auf eine respektvolle Ansprache gehabt hätte, wenn ich z. B. Ginsheimer gewesen wäre, der nichts gespendet hat. Dass ich das doch gesagt habe, ist interessant und ich richte den Scheinwerfer mal auf mein Innenleben in diesem Augenblick. Ich habe das wahrscheinlich erwähnt, weil ich mich wirklich über den neuen Platz gefreut hatte, mich auch gefreut hatte, dass ich dazu etwas beigetragen habe und mir es auch deswegen besonders viel Spaß gemacht hatte, ein paar Bälle darauf hin und her zu spielen. Und das ist nicht ganz unwichtig, denn wir haben hier ein Beispiel, wie man sich nicht nur Fremde, sondern auch Freunde zu Feinden machen kann, denn allzu oft würde ich mich nicht so ansprechen lassen, ohne Konsequenzen zu ziehen und für einen Moment habe ich mich geärgert, „solche Deppen“ unterstützt zu haben. Und dem geschockten Herrn Kanmaz ging es mit diesem Erlebnis nicht anders als mir („Der redet mit uns wie mit …“). (Auf meine Spendenbemerkung bekam ich übrigens eine Antwort, die allem Anschein nach unwahr ist.)

Den eingangs erwähnten, freundlichen Umgang gibt es natürlich nicht nur bei anderen Vereinen. Auch in unserem Verein gibt es viele positive Beispiele. Ich habe mich in den letzten fünf Jahren dort, seit mein Sohn in diesem Verein kickt, immer gut behandelt und freundlich aufgenommen gefühlt und das hier geschilderte Erlebnis ist ein Einzelfall. Auch z. B. der Herr Jugendleiter Eigler weist am Rande von Spielen andere häufig auf die Einhaltung von Regeln hin. Dabei befleißigt er sich aber stets eines freundlichen und respektvollen Umgangstones. Vielleicht hat er ja einen Praktikumsplatz für unseren Zaungast frei.

Wäre ich tatsächlich ein Gast aus Ginsheim gewesen und hätte ich einen talentierten Sohn, für den ich einen Verein suchen würde, wäre der SV Rot-Weiß Walldorf mit dem heutigen Erlebnis sicher aussortiert.  Man denke zum Beispiel mal darüber nach, warum Franz Beckenbauer als Jugendspieler nicht zum TSV 1860, sondern zum FC Bayern gegangen ist. Manchmal lohnt sich der respektvolle Umgang mit anderen auch für sich selbst.

gelesen: 1380 · heute: 2 · zuletzt am: 7. April 2021

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