Gras fressen in Münster

Rundherum jagen sich Schreie

Drinnen wogt ein enger Kampf

Sonntags geh ich gern ins Freie

Denn ich stehe unter Dampf

9. Gruppenligaspiel: SV Münster – RWW 1:3 (0:1)

Bereits am Morgengrauen wurden die Schienbeinschoner geölt und die Stollen festgezogen. Sollte heute beim Tabellenzweiten nicht gewonnen werden, könnte man die Runde entspannt austrudeln lassen. Bei einem Sieg wären es „nur“ noch vier Punkte und man käme noch mal in Reichweite der ersten beiden Tabellenplätze.

In Münster erwartete uns ein Rasenplatz, der in Walldorf sicher einige Jahre „ruhen“ müsste. Gelb, kurz und hart. Und sehr groß – gefühlt mindestens in den Höchstmaßen von 70 mal 50 Metern. Auf dem unebenen Geläuf, gegen einen kampfstarken Gegner, ließen unsere Trainer heute mit langen Bällen operieren und vom kleinflächigen Kombinieren abrücken. Das war sicher die richtige Entscheidung.

Münster machte zunächst Druck und hatte die besseren Chancen. Alle waren sich einig, dass besonders in dieser Phase Yannick1 im Tor einige 100%ige gehalten hat – und damit auch seine Mannschaft im Spiel. Ich stand am anderen Ende des Feldes und hatte meine schwache Brille auf und konnte die Szenen daher nicht so scharf erkennen. Als unsere Jungs dann auch einmal vors Tor kamen, hatten sie Pech als ein Kopfball von Deniz nur sehr knapp am Tor vorbei strich.
Am Spielfeldrand ging es hoch her. Besonders der Trainer aus Münster rief beinahe ohne Pause, Anweisungen, Beschwerden und was weiß ich noch über den Platz. Dies scheint Routine zu sein und auch einige Eltern aus Münster berichteten, dass dies auch für sie gewöhnungsbedürftig gewesen sei. Er verlor allerdings keineswegs die Kontrolle. Als ich nach ca. 20 Minuten hinter ihm vorbeilief, weil ich mal in der anderen Spielfeldhälfte filmen wollte, drehte es sich kurz zu mir um, grüßte freundlich in die Kamera, und setzte dann seinen Vortrag fort.
Vielleicht trägt dies zum sehr kampfbetonten Stil der Mannschaft aus Münster bei. Wenn ich mir vorstelle, dass mir beim Spielen immer jemand ins Genick schreit, würde mir das körperlose Spiel wahrscheinlich auch schwer fallen. Vielleicht ist das aber auch nicht so und ich würde mich daran gewöhnen und es gar nicht mehr bemerken. Wenn der Trainer dann bemerken würde, dass ich ihn nicht mehr bemerke, würde er vielleicht lauter schreien. Wer weiß das schon?

Unser Trainer – der 20 oder 30 Meter entfernt stand – war das jedoch nicht gewohnt und so bemerkte er seinen Kollegen und geriet sichtlich unter Stress. Das will etwas heißen, denn er arbeitet auf dem Frankfurter Flughafen und weiß daher normalerweise schon mit Lärm umzugehen. Ab und zu musste er dann auch mal Schreien, um Cortisol abzubauen, damit er nicht krank wird – und schließlich lieferten sich beide auch mal ein kurzes Schreiduell.
Der Schiedsrichter ließ das alles recht gleichmütig geschehen. Anfangs schien er die Heimmannschaft zu bevorteilen, pendelte sich jedoch – als er sich vielleicht ein wenig an das Schreien gewöhnt hatte – auf eine gute Leistung ein.

Doch schauen wir wieder auf das Feld. Fünf Minuten vor der Pause, bekam der unermüdliche Adil seine 2. Schusschance aufgelegt, die er dann auch nutzte: Drehschuss mit links. Da Yannick1 kurz vor der Halbzeit noch einmal glänzend reagierte – jetzt konnte ich es sehen -, konnte man mit 1:0 in die Pause gehen.
Für Münster war das etwas unglücklich gewesen, denn sie hatten ein Chancenübergewicht von ungefähr 6:4 – inklusive Pfostenschuss – gehabt.

Die erste Hälfte der Halbzeitansprache brauchte Herr Oral um sein – unter besagter Beschallung – strapaziertes Nervenkostüm durch eigentherapeutisches Sprechen wieder in die Gänge zu kriegen („Hach, meine Ohren …!“). Dann verteilte er viel Lob, mahnte aber auch einige, sich noch mehr in die Zweikämpfe zu schmeißen, zu laufen und sich für seine Mitspieler zu zerreißen. Letzteres natürlich sinnbildlich.

Auch in der 2. Hälfte begann Münster druckvoll und einsatzfreudig. Sie bekamen jedoch weniger klare Chancen. Furkan2 und Adrian auf der 6er-Position agierten gut in der Defensive und stopften Löcher, wenn die Außenverteidiger nach vorne preschten. Umgekehrt bekam unser Team immer größere Räume zum Kontern, die es dann auch nutzen sollte.
Coach Hüsseyin stand heute neben Yannick1`s Tor. Da sieht man im Jugendfußball häufig Betreuer stehen. Das erregte dann zunehmend Unmut beim Kioskmann aus Münster. Er forderte ihn wiederholt lautstark auf, neben dem Tor wegzugehen. Er stünde zu nah am Pfosten.

Ungeeignet: Abwehrtipps von Herrn Cezanne!

Ungeeignet: Abwehrtipps von Herrn Cezanne!

Derweil nahm der Torwart aus Münster einen Rückpass mit der Hand auf und Deniz verwandelte den Freistoß überlegt nach Vorlage von Adil. 2:0.
Der Kioskmann verstärkte daraufhin seine Rufe Richtung Hüsseyin.
Auf dem Platz hatte RW nun die klareren Torchancen – trotz allerlei turbulenter Szenen im eigenen Strafraum, die man zunächst aber, auch mit ein wenig Glück, überstand. Aus leicht abseitsverdächtiger Position gelang dann aber doch das 1:2.
Dies beflügelte dann auch den Kioskmann in seiner Mission. Schließlich stand er einen halben Meter neben Hüsseyin und sagte es ihm ganz laut ins Ohr. Als Hüsseyin partout nicht gehorchen wollte, rief er der Münstermann nach dem Schiedsrichter. Dieser schaute nur ein wenig ratlos und war einfach nicht gewillt, sich um das Treiben jenseits des hauptgeschehens zu kümmern. Ein Betreuer aus Münster kam schließlich zu Hilfe und schickte den Kioskmann wieder an den Ort seiner eigentlichen Aufgabe. Hüsseyin begrüßte dies und riet dann – ganz befreit – auch dazu, doch wieder im Verkaufsstand nach dem Rechten zu sehen.
Als Micki dann, etwa in der 50. Spielminute, schließlich eine Hereingabe von Furkan1 volley versenkte, vollzog Hüsseyin ein kleines Freudentänzchen, brüllte auch mal ein wenig und konnte so seinen sicher stark erhöhten Noradrenalinspiegel senken.

Walldorf hätte in der Folge sogar noch erhöhen können, weil Münster hinten aufmachte, um vorne noch etwas zu reißen. Das wäre des Guten aber zuviel gewesen, denn gemessen an den Chancen war es insgesamt  ein eher enges Spiel. Aus meiner Sicht war es aber am Ende ein verdienter Sieg, weil die Mannschaft sich sehr gut auf den Gegner und die Verhältnisse eingestellt hat. Die Verzweiflung meines Stehplatznachbars aus Münster ob der vielen knapp vergebenen Chancen des SV war aber auch verständlich und berechtigt.

Alle kriegten sich am Ende auch wieder ein. Kioskman rief uns ein freundliches „Glückwunsch“ zu und wünschte eine gute Heimreise. Auch unter den Trainern und Spielern gab das übliche Händeschütteln. Und dann durfte der Platz wenigstens akustisch ruhen. Während des folgenden Spieles der D2 aus Münster war es nämlich schon fast unheimlich still.

Im Film kann man einiges von dem Beschreibenen identifizieren. Einiges regt aber auch die Phantasie an, weil man kaum erkennt, was am anderen Ende des Spielfeldes gerade geschieht. Wer dabei war, wird sich aber vielleicht gerne erinnern lassen und in Gedanken zu jenem Spiel unter Pappeln reisen, in eine Zeit als man noch solche Filme zusammenschusterte und sie in Internet stellte.

Herr Oral zeigte sich mit der 2. Halbzeit sehr zufrieden und bescheinigte auch den zuvor kritisierten Spielern eine 1A-kämpferische Leistung. Zufrieden waren aber alle aus dem Walldorfer Lager, die diesem denkwürdigen Spiel beiwohnten.

Die Fehlerquote ist – wie schon letzte Woche erwähnt – seit Ende der Winterpause stark reduziert. Mit Leistungen wie heute wird man vielleicht doch noch in den Kampf um Platz 2 eingreifen können.
Ratsamer ist es aber sicher von „Spiel zu Spiel zu denken“ und dafür die 5 Euro fürs Phrasenschwein zu bezahlen.

Heute aber spielten:
Yannick1 – Adil (1 Tor), Adrian, Anton, Cameron, Deniz (1), Enes, Furkan1, Furkan2, Malte, Micki (1), Yannick2.

Übrigens: Der “Weiterstadt-Film” ist online – hier klicken.

Zu den Bildern des Spieltags!

Und noch einige ganz wunderbare, malerische  Fotos

 

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gelesen: 1595 · heute: 2 · zuletzt am: 18. Januar 2020

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